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Das Gelage dieser Tage

Hai LeutzZzZ :3

Hier mal ein kurzer Text, im Religionsunterricht entstanden zwischen Themen wie Krieg, Hungersnot etc. wegen einem plötzlichen Einfall und dem Drang wieder zu schreiben. Die Idee kam durch den ersten Satz eines Kapitels meines Lieblingsbuches (ich hab die unschuld kotzen sehen II)

"Das Gelage dieser Tage"

 Hier jetzt der Text, lasst es euch "schmecken" ;D

Die Frau mir gegenüber sieht mich nicht an. Ein paar Fasern lösen sich bereits aus ihrem kunstvoll und übertrieben, beinahe hässlich aussehendem, auftoupiertem Haargebilde und hängen ihr ins Gesicht. Sie schwitzt und Flecken der Anstrengung wachsen auf ihren Wangen. Hektisch zerrt sie an einem Stück Fleisch, das auf ihrem Teller liegt. Ihre Fingernägel bohren und graben sich zwischen die Sehnen, rotes Fett läuft ihre Handgelenke hinab, als wären ihre eigenen Venen die Quelle.
Ich starre sie nur an, unter dem Tisch kralle ich mich an den Tischbeinen fest. Wenigstens ein bisschen Halt.
Der Junge neben mir stöhnt leise. Er ist blass. Die, von aufplatzenden Äderchen bemalten Augen, sind geschminkt. Astig und unregelmäßig mit abplatzendem Schwarz. Das weiße Make-up schält sich von seinen Wangenknochen wie feuchte Tapete, wie eine zweite Haut.
Er und die Frau sind nur zwei von uns vieren.
Wir sitzen an einem Tisch. Die Tischplatte übersät mit Knochen, leeren Schalen, in denen der Schimmel Blüten erbaut und Ungeziefer heranwächst, wimmelnd die Risse in der Keramik verdeckend. Jemand hat das Tischdeckchen zerrissen. Schwere Kerzen, die die glühende Hitze zu seltsamen Gebilden deformiert hat, lassen Scherben glitzern wie Diamantsplitter.
Der Kopf des Jungen neben mir sackt auf die Tischplatte. Ein paar Strähnen seines Goldhaars schwimmen in einer Pfütze Rotwein. Der Junge umklammert immer noch die Flasche Wodka. Ein saurer, toter Geruch geht von ihm aus. Neben seinem reglosen Kopf, totkonsumiert, Häufen sich Berge aufgerauchter Zigaretten und Tips. Sie quellen aus den Aschenbechern und verfangen sich in seinen Haarflechten.
Ratlos löse ich meine Umklammerung unterm Tisch. Mein Blick verfängt sich in einem der Gerippe auf einer Silberplatte direkt vor mir. Die Rippen stechen wie Speere in die Stickluft. Dann greife ich nach einem der Behälter, der neben den anderen auf dem Boden liegt. Plastikdöschen. Alle leer. Der Junge hat sie alle geleert, sinnlos bergeweise Pillen geworfen, in sein Gehirn gekippt – immer auf der Suche nach dem neuen Glücksgefühl. Dem Glücksgefühl unserer modernen Zeit. Ein Ausweg aus allem. Konsumiere und sei schön. Lebe schnell und stirb jung. Der Junge hat sich dieses Gebot offenbar zu Herzen genommen. Sein Herz allerdings, hat dies nicht lange mitgemacht.
Der Mann, der achtlos Geld fressend, über seinen Teller gebeugt dasitzt, der teure Anzug befleckt mit Speiseresten, sieht nicht mal auf, als neben ihm einer stirbt. Er ist zu sehr beschäftigt.
Ein kurzes, schnappendes Atmen und sein rotes, verquollenes Gesicht taucht ab unter den Tisch, wo er kotzt. Sein Würgen geht unter im Klirren der Teller, Messer und Gabeln, im Fließen der Flaschen und dem panischen Kauen der Frau.
Er taucht wieder auf, wischt sich den Mund und greift nach dem nächsten Bündel Scheine.
Niemand spricht.
Mir ist schlecht.                                                                                                   
Etwas stopft mir Ekel in die Kehle.
Alles is(s)t – klebrig, ekelig, blutig, kaputt, süchtig, übelkeiterregend, krankmachend, fettleibig, maßlos, übertrieben, überall, alles.
Die Fremde mir gegenüber hebt den Kopf und grinst. Essensreste kleben zwischen ihren Zähnen, ihr dunkelroter Lippenstift ist verschmiert, das Dekolleté zu großzügig.
Doch sie spricht nicht zu mir, wischt sich nur die Hände an ihrem Kleid ab und grinst weiter.
Ich schiebe langsam meinen Stuhl zurück. Nur eine hastige, von meinem Ekeltrieb gesteuerte Bewegung und sie werden sich auf mich stürzen. Mich zerreißen und essen. Auf einer Silberplatte servieren mit einer Orange im Mund.
Ich gehe den ganzen Weg rückwärts, halte weiter Blickkontakt zu der Frau, die sich langsam ein kleines, fettiges Beinchen in den Mund schiebt und darauf herumkaut. Berstende Knochen.
Die Tür in meinem Rücken, der Weg hinaus.
Das Gelage dieser Tage.
Au Revoir. Ich lasse es hinter mir.


 

17.3.09 14:04
 


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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Stricksogge / Website (17.3.09 17:53)
Endlich hört man mal wieder was von dir.
schön =)
Der Text gefällt mir wie immer sehr gut. So viele Bilder, so schön geschrieben, so facettenreich. Deine Stärke kommt hier wieder voll zum Ausdruck.
Die vulgäre Wortwahl in "Ich hab die Unschuld kotzen sehen" hast du nicht und deshalb hast du dasselbe ausgedrückt nur viel edler, aber nicht minder ausdurcksstark. Nein, viel eher professioneller.
Sehr schön.
Liebe Grüße,
Stricksogge

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